Digitalisierung mit Herz: Wunschmenü statt „leider schon aus“ Interview zum Pilotprojekt von LebensWert Gastgeber, Dr. Becker Kliniken und HospiChef

Digitalisierung mit Herz: Wunschmenü statt „leider schon aus“ Interview zum Pilotprojekt von LebensWert Gastgeber, Dr. Becker Kliniken und HospiChef

Worum ging es bei dem Projekt genau?
Kleinhans/LebensWert: Wir wollten die Speisenauswahl und alles, was danach passiert, durchgängig digitalisieren – von der Bestellung bis zur Ausgabe. Die Dr. Becker Burg-Klinik war unser Pilotstandort, die Erfahrungen von dort sind jetzt die Grundlage für den Rollout auf weitere Häuser der Klinikgruppe.
Wer saß mit am Tisch – und wie kam die Zusammenarbeit zustande?
Starfinger/HospiChef: Von Anfang an ging es nicht darum, einen bestehenden Ablauf einfach digital nachzubauen. Küche, Service, Diätetik, Pflege und IT haben gemeinsam mit uns hinterfragt, wie Speisenversorgung in der Reha wirklich funktionieren soll. Mein Dank gilt den Teams der Dr. Becker Klinikgruppe und LebensWert für den ehrlichen, menschlichen Austausch und die starke Lösungsorientierung.
Kleinhans/LebensWert: Genau das war der Ansatz: Küche, Service, Diätetik, Patientenprozesse und IT wurden von Beginn an gemeinsam gedacht, nicht nacheinander abgearbeitet. Als Küchenmanagement-Partner vor Ort waren wir dabei einer von mehreren Partnern an einem gemeinsamen Tisch.
Wie bestellen die Patientinnen und Patienten heute ihr Essen?
Stegmeier/Dr. Becker: Es gibt drei gleichwertige Wege: eine browserbasierte App, ein Bestellterminal im Haus und das Patientenportal „Mein Bereich“ – ohne zweite Anmeldung, einfach per RFID-Chip. Das war uns wichtig angesichts der großen Altersspanne in der Reha.

Vom Kick-off bis zum Go-Live
Wie lief die Umsetzung – und wie hat die Klinik den Start erlebt?
Stegmeier/Dr. Becker: Insgesamt ist es richtig gut gelaufen. Wir waren positiv überrascht, vor allem davon, wie gut sich auch die Mitarbeitenden im Service und an der Speisenausgabe direkt zurechtgefunden haben.
Kleinhans/LebensWert: Vom Kick-off bis zum Go-Live waren es rund acht Monate: Prozessaufnahmen, technische Abstimmungen, eine begleitete Testphase, Schulungen. An den Start sind alle gleichzeitig gegangen – Patientinnen und Patienten mit und ohne Sonderkost, Begleitpersonen, die angeschlossene Kita, Mitarbeitende und Übernachtungsgäste. Kein Stufenbetrieb, sondern der volle Umfang von Tag eins an.

Technik im Hintergrund
Wie hängt das System mit Warenwirtschaft und Klinikinformationssystem zusammen?
Kleinhans/LebensWert: Über KOST läuft die Warenwirtschaft: Speisepläne werden übernommen, Bedarfe und Verbräuche fließen zurück. Für die Anbindung an das Klinikinformationssystem gab es keinen Standardweg – hier haben die IT der Klinikgruppe und HospiChef gemeinsam eine Schnittstelle aufgebaut. Aufnahme- und Entlassdaten, Kostformen und Allergien fließen so automatisch in die Bestellung ein.
Welche Stolpersteine gab es?
Stegmeier/Dr. Becker: Lieferverzögerungen bei der Terminal-Hardware, ein zeitgleicher Küchenumbau und die Vielfalt der Patientinnen und Patienten mit unterschiedlichen Abrechnungsanforderungen. Gelöst haben wir das im Team – auch dank eines festen Jour fixe, der bis heute läuft und Anforderungen aus dem Alltag direkt in die Konfiguration einfließen lässt.

Die ersten Zahlen
Wie nehmen die Patientinnen und Patienten das System an?
Kleinhans/LebensWert: Stand September 2026 bestellen 96 Prozent selbst. Im August kamen rund 7.200 Bestellungen über HospiChef zusammen, dazu 499 Feedbacks seit Go-Live: 4,1 von 5 Sternen beim Geschmack, 4,2 bei Frische und Qualität der Zutaten. Die Selbstbestellung ist für uns auch ein hilfreicher Feedback-Kanal – wir wissen tagesaktuell, wie ein Gericht ankommt.
Was ist als Nächstes geplant?
Kleinhans/LebensWert: Wir wollen besonders ausgewogene Gerichte – wie auch in den physischen Speiseplänen – direkt im Menüplan kennzeichnen. Und der Rollout läuft bereits: Brunnen-Klinik, Juliana-Klinik und Kiliani-Klinik profitieren gerade von den Learnings aus der Burg-Klinik, weitere Standorte folgen schrittweise. Für uns ist das ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu mehr Zukunftsfähigkeit in unseren Klinikküchen.
Was steckt für Sie hinter dem Titel „Digitalisierung mit Herz“?
Kleinhans/LebensWert: Für uns heißt das: Technik ist nie Selbstzweck. Als Gastgeber ist es unsere Aufgabe, echte Gastfreundschaft zu leben – mit Leidenschaft am Herd und mit einem offenen Ohr für die Menschen, die bei uns essen. Das neue Bestellsystem soll genau dafür Raum schaffen: mehr Zeit für die eigentliche Begegnung am Tisch, weniger Zeit für Organisation im Hintergrund. Am Ende soll jede Mahlzeit ein kleiner, positiver Moment im Klinikalltag sein. Wenn wir sehen, mit wie viel Freude die Patientinnen und Patienten heute ihr Essen selbst auswählen, ist das für uns die schönste Bestätigung.
Starfinger/HospiChef: Die beste Software nützt wenig, wenn sie nicht mit Herzblut eingeführt wird. Was uns an diesem Projekt besonders berührt hat, war die Sorgfalt und Empathie aller Beteiligten – vom Servicepersonal bis zur IT. Genau das macht für uns den Unterschied zwischen reiner Digitalisierung und Digitalisierung mit Herz.